"Von der Hauptschule nach Havard" - Interview mit Mahmut Martin Yüksel
Mahmut Martin Yüksel | Special Program 2015/16 | Trinity University San Antonio, Texas

Mahmut Martin Yüksel war 2015/16 als Fulbright-Stipendiat für ein Special Program an der Trinity University in San Antonio, Texas. Mahmut ist promovierter Arzt und neurowissenschaftlicher Forscher. Er studierte Medizin und Informatik in Hamburg und war im Rahmen seiner akademischen Promotion, ärztlichen Tätigkeit und Forschungstätigkeit unter anderem an der Harvard University sowie in Berlin, New York und Zürich tätig.
Wir haben Mahmut 6 Fragen zu seiner autobiografischen Veröffentlichung „Von der Hauptschule nach Havard. Ein Bildungsweg gegen die Schwerkraft des Systems“ gesendet, die im September 2026 im Rowohlt-Verlag erschienen ist.


Fulbright Germany: Du bist selbst einen Bildungsweg gegangen, der dir am Anfang kaum zugetraut wurde – von der Hauptschule bis zur Promotion und Forschungserfahrung in Harvard. Was waren die entscheidenden Menschen, Begegnungen oder Momente, die diesen Weg für dich möglich gemacht haben?
Mahmut Martin Yüksel: Rückblickend war es nie der eine große Wendepunkt. Es waren einzelne Menschen und Chancen, die mir in entscheidenden Momenten etwas zugetraut haben, bevor ich es mir selbst vollständig zutrauen konnte. Lehrerinnen und Lehrer, Mentorinnen und Mentoren und später Förderinstitutionen, die nicht nur auf meinen bisherigen Lebenslauf geschaut haben, sondern auf das, was vielleicht noch möglich sein könnte.
Ich bin über die Hauptschule und den zweiten Bildungsweg schließlich zum Medizin- und Informatikstudium, in die Wissenschaft und später unter anderem nach Harvard gekommen. Heute darf ich als Arzt, Unternehmer, Forscher und Autor tätig sein. Auf diesem Weg habe ich immer wieder erlebt, wie mächtig Erwartungen sind, sowohl im positiven wie im negativen Sinne. Ein Satz wie „Das kannst du“ kann bei einem jungen Menschen manchmal genauso viel verändern wie ein „Das ist nichts für dich“, insbesondere wenn diese von einer Person mit Autorität kommt, wie den Eltern, der Klassenlehrerin oder dem Kampfsport-Sensei.
Deshalb spreche ich im Buch von Menschen, die einem „Wind unter die Flügel“ geben. Ohne solche Menschen wären viele Türen für mich vermutlich Türen geblieben, von denen ich gar nicht gewusst hätte, dass ich sie öffnen darf.
Fulbright Germany: Du beschreibst sehr eindrücklich, wie früh Herkunft, Sprache und Vorurteile den Bildungsweg eines Kindes beeinflussen können. Was müsste sich deiner Meinung nach im deutschen Bildungssystem konkret verändern, damit Bildungserfolg weniger davon abhängt, aus welcher Familie ein Kind kommt?
Mahmut Martin Yüksel: Die gerade veröffentlichten PISA-2025-Ergebnisse haben mich in dieser Frage besonders beschäftigt, weil sie die zentrale These meines Buches fast erschreckend deutlich in Zahlen übersetzen: In Deutschland liegen zwischen dem sozioökonomisch begünstigtsten und benachteiligten Viertel der Jugendlichen 125 PISA-Punkte in den Naturwissenschaften, im OECD-Durchschnitt sind es 85 Punkte. Und während dieser Abstand im OECD-Durchschnitt in den vergangenen Jahren kleiner geworden ist, ist er in Deutschland seit 2015 sogar gewachsen. Das heißt konkret: Wo ein Kind startet, sagt bei uns noch immer viel zu viel darüber aus, wo es später landen kann. Das entspricht nicht dem Aufstiegsversprechen des "German Dreams".
Für mich beginnt Veränderung deshalb damit, dass wir aufhören müssen, Potential so früh mit bereits erbrachter Leistung gleichzusetzen. Kinder starten nicht am selben Ausgangspunkt. Wer zu Hause Unterstützung, Bücher, akademische Vorbilder, Nachhilfe und Wissen über das Bildungssystem hat, bringt andere Voraussetzungen mit als ein Kind, dessen Eltern selbst kaum Orientierung in diesem System haben. Deshalb halte ich eine so frühe Aufteilung von Bildungswegen für enorm problematisch. Ein Positivbeispiel ist beispielsweise Estland, wo die Kinder teilweise 9 Jahre gemeinsam zur Schule gehen, bevor eine Aufspaltung und Selektion vorgenommen werden. Meiner Meinung nach kann man schlicht das Potential eines Kindes nicht im Alter von 9 oder 10 Jahren prognostizieren! Wir sollten Kindern länger Zeit geben, sich zu entwickeln, früher fördern, Schulen in sozial herausfordernden Lagen gezielt stärker ausstatten und Mentoring und individuelle Förderung viel systematischer verankern.
Mindestens genauso wichtig ist aber die Haltung: Wir müssen aufhören, über junge Menschen aus sozial benachteiligten Familien nur zu sprechen, und anfangen, ihnen zuzuhören. Insbesondere sollten Bildungsaufsteiger und jene, die selbst von den Defiziten des Systems benachteiligt wurden mehr eine Stimme verleihen, anstatt nur über sie zu sprechen. In Bildungsdebatten hören wir sehr viele Stimmen aus Politik, Wissenschaft und Institutionen, aber erstaunlich selten die Stimmen derjenigen, deren Zukunft von diesen Entscheidungen unmittelbar abhängt.
Fulbright Germany: Du hast als Fulbright-Stipendiat Zeit in den USA verbracht. Was hast du während deiner Zeit dort über Bildungschancen, soziale Mobilität oder den Umgang mit unterschiedlichen Bildungsbiografien gelernt – und gibt es etwas, das wir davon für Deutschland mitnehmen können?
Mahmut Martin Yüksel: Was mich in den USA besonders beeindruckt hat, war eine größere Offenheit gegenüber ungewöhnlichen Bildungsbiografien. Ich hatte häufiger das Gefühl, dass weniger gefragt wurde: „Warum war dein Weg nicht geradlinig?“, sondern vielmehr: „Was hast du daraus gemacht und wohin möchtest du als Nächstes?“
Fulbright Germany: Fulbright steht für internationalen Austausch und die Überzeugung, dass Begegnungen neue Perspektiven und Chancen eröffnen können. Welche Bedeutung hatte dein Fulbright-Aufenthalt für deinen persönlichen und akademischen Weg – und welche Rolle können solche Erfahrungen gerade für junge Menschen spielen, die vielleicht nicht mit dem Gefühl aufwachsen, dass ihnen „die Welt offensteht“?
Mahmut Martin Yüksel: Für mich hatte Fulbright genau diese Bedeutung: Es hat den eigenen Möglichkeitsraum größer gemacht.
Wenn man nicht in einem Umfeld aufwächst, in dem internationale Universitäten, Forschungsaufenthalte oder akademische Karrieren selbstverständlich sind, können solche Orte sehr weit entfernt wirken; nicht unbedingt geografisch, sondern mental. Man denkt zunächst: „Menschen wie ich sind dort wahrscheinlich nicht gemeint.“
Internationaler Austausch kann dieses innere Koordinatensystem verschieben. Plötzlich sitzt man mit Menschen aus völlig unterschiedlichen Ländern und Biografien an einem Tisch und erkennt: Auch diese Welt ist zugänglich.
Mein Aufenthalt in den USA und meine wissenschaftlichen Erfahrungen dort haben meinen weiteren Weg deshalb weit über die eigentliche Zeit vor Ort hinaus geprägt. Genau darin sehe ich die besondere Kraft von Programmen wie Fulbright: Sie finanzieren nicht nur einen Aufenthalt. Im besten Fall verändern sie dauerhaft, was ein Mensch sich selbst zutraut.
Fulbright Germany: Du schreibst, dass es Menschen braucht, die „Wind unter den Flügeln“ sind. Wenn du heute einem jungen Menschen begegnen würdest, dem das Bildungssystem signalisiert: „Bis hierhin und nicht weiter“ – was würdest du ihm oder ihr sagen? Und was können wir als Gesellschaft tun, damit mehr Kinder solche Menschen an ihrer Seite haben?
Mahmut Martin Yüksel: Ich würde wahrscheinlich sagen: Verwechsle das Urteil, das ein System heute über dich fällt, nicht mit der Grenze deiner Möglichkeiten.
Eine Schulform, eine Note oder die Empfehlung eines einzelnen Menschen beschreibt zunächst nur eine bestimmte Momentaufnahme. Sie darf niemals zu einer Prophezeiung über ein ganzes Leben werden.
Gleichzeitig möchte ich die Verantwortung aber nicht auf das einzelne Kind abschieben. Es kann nicht unsere gesellschaftliche Antwort sein, Kindern einfach zu sagen: „Du musst nur genug an dich glauben.“ Die neuen PISA-Zahlen zeigen leider gerade, wie strukturell diese Unterschiede sind. Wenn die soziale Herkunft in Deutschland die Bildungsleistung deutlich stärker vorhersagt als im OECD-Durchschnitt, und auffällig hoch im europäischen Durchschnitt, können wir Erfolg und Scheitern nicht ausschließlich als individuelle Leistung betrachten.
Auch meine eigene Geschichte darf deshalb nicht als Beweis dafür missverstanden werden, dass das System funktioniert. Dass einzelne Kinder außergewöhnliche Hürden überwinden, ist kein Argument dafür, diese Hürden bestehen zu lassen.
Deshalb brauchen wir mehr Menschen und Institutionen, die aktiv nach Potential suchen: Lehrerinnen und Lehrer, Mentoren, Stiftungen, Vereine, Universitäten und Unternehmen. Menschen, die nicht nur diejenigen fördern, die ohnehin schon gelernt haben, an Türen zu klopfen, sondern auch jene finden, die noch gar nicht wissen, dass diese Türen für sie existieren.
Fulbright Germany: Fulbright Germany feiert im kommenden Jahr 75. Jubiläum – was wünschst du der Kommission?
Mahmut Martin Yüksel: Ich wünsche Fulbright Germany für die nächsten 75 Jahre vor allem, das weiterzuführen, was die Kommission selbst zu ihren zentralen Werten zählt: Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit und dabei noch stärker diejenigen zu erreichen, die sich selbst zunächst gar nicht als klassische Fulbright-Kandidatinnen oder -Kandidaten sehen.
Dass Fulbright ausdrücklich Erstakademiker und Menschen ermutigt, die bisher keine Gelegenheit hatten, in den USA zu leben und zu lernen, finde ich besonders wichtig. Denn internationale Chancen dürfen nicht nur diejenigen erreichen, für die ein Auslandsstudium ohnehin selbstverständlich erscheint. Gerade deshalb gefällt mir auch das Jubiläumsmotto „Connecting Generations“ sehr.
Fulbright hat über Jahrzehnte Menschen verbunden und Brücken gebaut. Für die nächste Generation wünsche ich mir, dass diese Brücken noch weiter reichen, insbesondere zu jungen Menschen aus nichtakademischen Familien und mit ungewöhnlichen Bildungswegen. Denn die vielleicht stärkste Botschaft, die ein Programm wie Fulbright einem jungen Menschen vermitteln kann, lautet für mich: Deine Herkunft bestimmt nicht, wie weit deine Welt reichen darf.
Und genau davon wünsche ich Fulbright Germany in den kommenden 75 Jahren noch sehr viele bewegende Geschichten.
Photo Credits: Rowohlt-Verlag, Michael Butolo

















